martedì 26 novembre 2013

Licht, Luft und Sonne - Das „Neue Bauen“


Die sozialen Probleme und der gewaltige dringende Bedarf an erschwinglichen und gesunden Wohnungen, brachten 1919 mehrere Architekten dazu, die Ziele einer neuen Architektur zu formulieren, die in der Lage war, auf diese Probleme zu antworten. Bruno Taut, Walter Gropius und Hans Scharoun begannen über sie sozialen Aspekte dieser neuen Architektur auf dem Korrespondenzwege zu diskutieren. Diese Korrespondenz ging unter dem Namen „die Gläserne Kette“ in die Architekturgeschichte ein.

Eines der nach dem Ersten Weltkrieg anzugehenden Hauptprobleme war der Bau gesunder Wohnungen, die gross genug waren, um einer Familie eine würdiges Leben zu ermöglichen, und das zu Kosten, die es erlaubten, die Mieten auf einem für eine Arbeiterfamilie erschwinglichen Niveau zu halten.  Mit Unterstützung der deutschen Regierung wurden zu diesem Zweck Ausstellungen organisiert und neue Siedlungen als Demonstrationsobjekte gebaut.

Die bevorzugten Materialien der neuen Architektur waren Eisenbeton, Stahl, Glas und Backstein. Mit diesen Materialien liessen sich viele einfache Formen realisieren, Kuben und stapelbare Volumen, Wände und Schotten, Decken und vorspringende Dächer und Balkone. Das „Neue Bauen“ war geboren. Seine drei Hauptprinzipien waren folgende:

Soziale Ökonomie: Die Wohnungsnot und der daraus resultierende Massenwohnungsbau zwingen zur Einfachheit, Dekorationen wurden dabei als Verschwendung angesehen. Die einfache Formensprache stellte größere Anforderungen an den ästhetischen Anspruch des Entwurfs.

Konstruktive Ökonomie: Die Reduktion tragender Teile auf einzelne Punkte und Flächen erlaubt ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten – es ergeben sich freiere Formen bei weniger konstruktivem Aufwand.

Stilistische Ökonomie: Der formale Rigorismus und die klare asketische Form repräsentieren Allgemeingültigkeit und Objektivität und stellen ein künstlerisches Ziel dar. Dem Gedanken des Gesamtkunstwerks folgend, in einigen Projekten bis hin zur vollkommenen bezugsfertigen Ausgestaltung der Objekte.

Der „Zeilenbau“

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden in Deutschland viele kommunale Bebauungspläne realisiert, die den Bau von Arbeiterwohnungen zum Gegenstand hatten. Allein in Berlin wurden zwischen 1924 und 1932 folgende Siedlungen gebaut: Siedlung Schillerpark (1924-1930, Bruno Taut, Heinrich Tessenow), Grosssiedlung Britz (1925-1930, Hufeisensiedlung, Bruno Taut, Martin Wagner), Wohnstadt Carl Legien (1928-1930, Bruno Taut, Franz Hillinger), Weisse Stadt (1929-1931, Otto Rudolf Salvisberg, Martin Wagner, Bruno Ahrends, Wilhelm Büning), Grosssiedlung Siemensstadt (1929-1934, Ringsiedlung, Hans Scharoun, Walter Gropius, Otto Bartning, Fred Forbat, Hugo Häring, Paul Rudolf Henning).

Alle diese Bebauungspläne basierten auf den Ideen und Prinzipien des „Neuen Bauens“. Ein Bautyp, der in jenen Jahren aufkam, war der mehrgeschossige, freistehende Wohnblock, eine Alternative zur bisher üblichen Blockrandbebauung.  Dieser neue Gebäudetyp wurde „Zeile“ genannt und war wiederholbar. Seine Anordnung auf dem Baugelände war unabhängig von der Strassenführung. Jede Zeile hatte von der nächsten einem Anstand, der eine ausreichende Besonnung garantierte (Entsprechend dem Motto „Licht, Luft und Sonne). Die zwischen den einzelnen Zeilen liegenden Freiräume standen den Bewohnern als allgemeine Grünflächen zur Verfügung. Dieses städtebauliche Konzept wird allgemein „Zeilenbau“ genannt.
 
 
Blockrandbebauung - Wohnzelle Grunaer Strasse in Dresden
 
Im Vergleich zur Blockrandbebauung, hat der Zeilenbau zweifellos den Vorteil, dass er eine gute Belichtung und Belüftung der einzelnen Wohnungen garantiert. Die Verschattung der Baukörper ist sehr gering.
 
Zeilenbau – Siemensstadt Berlin
 
Walter Gropius, einer der bekanntesten Verfechter des Neuen Bauens, hat dieses städtebauliche Konzept mit folgenden Worten erläutert: „Im Vergleich zu den traditionellen Baublöcken haben die parallelen Wohnzeilen den grossen Vorteil, dass man allen Wohnungen eine günstige Ausrichtung geben kann“. Offen blieb die Frage: Welches ist die beste Ausrichtung?
Sigfried Gideon (1) fasste das knapp zusammen „Die Grundlage des Städtebaus muss die Orientierung nach der Sonne sein“ und Walter Gropius (2) schrieb: „Was die natürliche Belichtung und die Besonnung angeht, und wenn man alle wirtschaftliche und hygienische Gründe berücksichtigt, dürfte die Nord-Süd-Ausrichtung eines Baublocks (einer Zeile) die relativ Beste sein“.
Diese Nord-Süd-Ausrichtung findet man in vielen neuen Siedlungen der zwanziger Jahre. Bei dieser Orientierung erhalten die Wohnungen Sonne sowohl von Osten als auch von Westen. Der Grund für diese Orientierung ist leicht zu begreifen. Es ist der normale Tagesablauf eines arbeitenden Menschen. Bei dieser Orientierung erhält eine Wohnung Sonne am Morgen, bevor man zur Arbeit geht und am Abend, wenn man von der Arbeit heimkommt. Die Zimmer sollten daher folgendermassen angeordnet sein:  das Wohnzimmer nach Westen, die Küche und das Bad nach Osten und die Schlafzimmer wahlweise nach Osten (am besten) oder Westen.
Lewis Mumford (1895-1990), ein amerikanischer Stadt- und Städtebauhistoriker, hat sich mehrfach zustimmend über die neue Art des Siedlungsbaues ausgesprochen. So heisst es bei ihm (3): Above all, Zeilenbau permits the orientation of the whole community for a maximum amount of sunlight. In every other type of plan, a certain number of rooms will face north, but in Zeilenbau, when a correct orientation is established, every room and every apartment share equally in the advantage”.
Der Zeilenbau wurde zu einem Kennzeichen des modernen Städtebaus: Frühe Beispiele findet man in Amsterdam (C. van Eesteren), in Dessau-Törten (W. Gropius), in Frankfurt-Römerstadt (E. May), in Karlsruhe-Dammerstock (O. Haesler e W. Gropius) und in der Werkbund-Siedlung Neubühl bei Zürich.
Verschiedene neuere Autoren haben den Grund der Nord-Süd-Ausrichtung der Baublöcke nicht verstanden (4). Sie vergessen, dass es den Architekten damals nicht darum ging, die Sonne als Wärmequelle auszunutzen, sondern vielmehr darum, den Arbeitern, die meisten nur morgens und abends in ihrer Wohnung sind, in diesen Zeiten etwas Sonne zu verschaffen. Sie vergessen ausserdem, dass, wenn man die Wohnzimmer nach Süden orientiert, es immer Räume gibt, die zwangsläufig nach Norden ausgerichtet sind und deshalb nie Sonne erhalten. Und warum muss ein Wohnzimmer Sonne erhalten, wenn die Familie tagsüber nicht zuhause ist. Wollen diese Autoren vielleicht das Wohnzimmer in ein Solarium verwandeln?
Die gleichen Autoren unterstellen den deutschen Architekten des Neuen Bauens Absichten, die diese nie gehabt haben. Keiner dieser Architekten hatte die Absicht, Wohnungen mit der Sonne zu heizen. Bei dem damaligen energetischen und technischen Gebäudestandard wäre das auch niemals möglich gewesen. Für diese Kritiker der Nord-Süd-Ausrichtung der Baublöcke ist die Sonnenenergienutzung jedoch eine Ideologie, die erst 1972, nach dem Erscheinen des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ von Dennis L. Meadows (Club of Rome) entstanden ist. Die damalige Zielsetzung war aber nicht energiepolitischer, sondern sozialer Art.
Das Hauptziel der Wohnungspolitik der 20er Jahre war die Realisierung einer möglichst grossen Zahl von gesunden und gut belichteten Wohnungen, die gross genug waren, um den Bedürfnissen einer durchschnittlichen Arbeiterfamilie gerecht zu werden. Von Solararchitektur war absolut keine Rede. Es gab keine Energiekrise wie in den 70er Jahren. Die neuen Wohnungen hatten Zentralheizung; geheizt wurde mit Kohle, Koks oder Stadtgas; Erdöl und Erdgas waren als Brennstoffe noch unbekannt.
 
Anmerkungen
 
(1)   Giedion, Siegfried: Befreites Wohnen. Zürich/ Leipzig 1929, p. 14
(2)   Gropius, Walter: Gross-Siedlungen. In: Zentralblatt der Bauverwaltung 12/29, S. 233
(3)   Mumford Lewis: Machines for Living, p. 87 (???)
(4)   Ken Butti & John Perlin, schreiben in ihrem Buch A Golden Thread (Palo Alto 1980), Seite 168: “The Zeilenbau plan did not work as well as hoped. The winter sun is in the south all day – rising in the southeast, moving due south at noon, and setting in the southwest. Thus, the east and west windows received only modest amounts of sunlight on winter days because the sun’s rays struck them at a glancing angle. And in summer just the opposite occurred – the bright rays of the morning and afternoon sun came straight into the east and west-facing rooms”.
(5)   Hilberseimer Ludwig, Raumdurchsonnung, in: Moderne Bauformen, Bd. 34, Teil I (Januar 1935)
 
 

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